Episode 10:
Die finanzielle Entwicklung des 1. FC Köln unter Alexander Wehrle – Teil 2
Die finanzielle Entwicklung des 1. FC Köln unter Alexander Wehrle – Teil 2
In diesem Artikel analysieren wir anhand der veröffentlichten Jahresabschlüsse des 1. FC Köln seit 2013 die finanzielle Entwicklung der 1. FC Köln GmbH & Co. KGaA während der Amtszeit von Alexander Wehrle als Geschäftsführer. Da der Text sehr umfangreich ist, werden wir diese Analyse in drei Teilen veröffentlichen. Gestern wurde Teil 1 veröffentlicht, hiermit folgt Teil 2, morgen dann Teil 3.
4. Bilanzkennzahlen
4.1. Generelle Gesichtspunkte
Für alle Kennzahlen gilt, dass bestimmte wichtige Gesichtspunkte mit genereller Bedeutung mit in die Bewertung einfließen müssen. Dies sind vor allem:
a. Corona: Bei Bewertung der wesentlichen Bilanzkennzahlen muss versucht werden, diese jeweils mit und ohne Corona-bedingte Effekte zu berechnen. Bedingt durch die intransparente Berichterstattung des FC sind dabei leider Schätzungen und Vermutungen und damit Ungenauigkeiten nicht zu vermeiden. Dies gilt es zu berücksichtigen und als unvermeidbar zu entschuldigen.
b. Herausragende Ereignisse: Neben den Corona-Effekten in den Jahren 2019/2020 und 2020/2021 sind die von dem Modeste Verkauf und der unverhofften Euro-League Teilnahme beeinflussten Kennzahlen in der Saison 2017/2018 von besonderer Bedeutung. Sie beeinflussen das Zahlenwerk ganz erheblich.
c. Bilanzspielräume: Generell hat jede Geschäftsführung einen gewissen Bilanzierungsspielraum, den auszunutzen legitim ist. Dennoch muss man sich über die Effekte im Klaren sein.
Wichtig ist beim FC in diesem Zusammenhang, dass die Wahl des Geschäftsjahres (1.7. – 30.6.) viel Spielraum für Bilanzkosmetik ermöglicht. Das Ende des Geschäftsjahres fällt nämlich mitten in den Zeitraum, in dem in der Regel alle wesentlichen Verträge (Transfers, Sponsorenverträge etc.) für die neue Saison geschlossen werden. Für die bilanzierten Effekte dieser Verträge ist in der Regel der Tag des Vertragsabschlusses entscheidend. Dies gibt der Geschäftsführung die Möglichkeit gewinnbringende Effekte eines Vertrages (Verkauf eines Spielers über Buchwert; down payments von Sponsoren) ebenso wie verlustbringende Effekte eines Vertrages (z.B. Verkauf eines Spielers unter Buchwert) durch die Wahl des Tages des Vertragsabschlusses (vor oder nach dem 30.6.) in das Geschäftsjahr ihrer Wahl zu verlagern. So kann eine größere Kontinuität suggeriert werden oder unter Umständen auch ein Zweitligajahr zu einem positiven Ergebnis geführt werden.
d. Insgesamt bleibt damit offen, ob und inwieweit die Kennzahlen der Zweitliga-Saison 2018/19 durch Verschiebung von dem herausragenden Jahr 2017/18 (Europa League und Modeste Verkauf) beeinflusst worden sind. Dies erschwert eine Analyse der Saison 2018/19.
4.2. Umsatz
Der Umsatz wird besonders stark durch die Ligazugehörigkeit beeinflusst. Hauptumsatzträger sind Fernsehgelder, Ticketing, Werbeeinnahmen, Merchandising. Einzelheiten hierzu veröffentlicht der FC im Bundesanzeiger nicht.
a. Saison 2012/13: 49 Mio. (2. Liga)
b. Saison 2013/14: 54 Mio. (2. Liga)
c. Saison 2014/15: 83 Mio. (1. Liga)
d. Saison 2015/16: 102 Mio. (1. Liga)
e. Saison 2016/17: 127 Mio. (1. Liga)
f. Saison 2017/18: 170 Mio (1. Liga; Teilnahme Euro-League)
g. Saison 2018/19: 112 Mio. (2. Liga)
h. Saison 2019/20 (1. Liga): 120 Mio. ; ca. 13 Mio. EUR Rückgang Corona bedingt
i. Saison 2020/2021: unbekannt; laut FC beträgt der Gesamtumsatzrückgang infolge Corona 63 Mio. EUR, wovon 13 Mio. EUR auf die Saison 2019/20 entfallen sollen. Unklar bleibt, von welcher Planzahl der Rückgang von 50 Mio. berechnet wird.
Erhöht man daher den Umsatz 2019/20 um den für diese Saison bestätigten Umsatzrückgang um 13 Mio. EUR, so kommt man auf einen Plan – Umsatz von rund 140 Mio. EUR für die Saison 2020/2021, von dem dann 50 Mio. abzuziehen wären. Der Umsatz beliefe sich dann auf ca. 90 Mio. Ob diese Berechnung zutreffend ist, kann derzeit nicht wirklich beurteilt werden. Der FC macht dazu keine Angaben.
j. Bewertung
Der Umsatz in der 2. Liga wurde von jeweils rund 50 Mio. EUR (Jahre 2013 und 2014) auf 112 Mio. (Jahr 2019) erhöht. Aus den genannten Gründen bestehen Zweifel , ob der Umsatz für 2018/2019 wirtschaftlich und nicht nur formal in 2018/2019 erwirtschaftet wurde. Man wird aber von einer Umsatzverdoppelung für die 2. Liga ausgehen können.
Für die erste Liga liegt eine Umsatzsteigerung von 83 Mio. (2015) auf rund 130 Mio. in den Jahren 2017 und – bei Herausrechnen der Corona-bedingten Umsatzausfälle – von rund 130 Mio. vor. Das Ausnahmejahr 2017/2018 (Europa, Modeste Verkauf) ist nicht dauerhaft und daher nicht maßgebend. Damit liegt eine Umsatzsteigerung von rund 60% Prozent vor.
Diese Umsatzsteigerung ist beachtlich. Der Einfluss der Geschäftsführung kann jedoch nur dann berücksichtigt werden, wenn man die generelle Erhöhung von Fernsehgeldern und Werbeeinnahmen in der Branche und wohl auch die Erhöhung der Ticketpreise herausrechnet. Die Gelder für die Übertragungsrechte der Bundesliga haben sich 2013 (560 Mio.) bis 2019 und heute auf 1,1 Mrd. erhöht, d.h. sie haben sich verdoppelt. Wenn sich die Preise für Werbung wegen der erhöhten Werbewirkung des Fußballs in dem gleichen Zeitraum nur um 50% erhöht haben sollten (was wir nicht wissen, aber wahrscheinlich erscheint), dann sind die erzielten Umsatzsteigerungen primär auf äußere Faktoren und nicht auf eine besonders erfolgreiche Arbeit der Geschäftsführung zurückzuführen.
4.3. Kaderkosten
Die Kaderkosten setzen sich aus den Anschaffungskosten (Transferpreise, Beratergebühren, sonstige Anschaffungskosten) und den laufenden Gehältern zusammen.
Die Anschaffungskosten werden in der Bilanz aktiviert (sie sind daher aufwandsneutral im Jahr 1) und dann in ratierlichen, jährlichen Raten entsprechend der Vertragslaufzeit abgeschrieben. Der entsprechende jährliche Aufwand findet sich in der Gewinn- und Verlustrechnung (G+V) unter der Zeile “Abschreibungen auf immaterielle Vermögensgegenstände des Anlagevermögens”.
Die laufenden Kaderkosten finden sich in der G+V unter der Position Personalaufwand. Allerdings macht der FC nicht deutlich, was davon auf den Kader und welcher Teil auf das übrige Personal und die Geschäftsführung entfällt. Da die Gehälter der Profis in den letzten Jahren gegenüber den übrigen Personalkosten stärker gestiegen sind, ist es schwer, die reinen Gehalts-Kosten der Profis zu schätzen. Tendenziell bezahlt der FC geringe Gehälter und hat viele Mitarbeiter im Niedriglohnsegment. Daher dürften die Personalkosten in Relation nicht erheblich sein. Die Gehälter der Geschäftsführung dürften sich ebenfalls wie die der Profis überproportional entwickelt haben. Da keine genauen Daten zu Zahlen und Gehaltsniveau der Mitarbeiter bekannt sind, sollen im Folgenden die Gehälter der sonstigen Mitarbeiter und der Geschäftsführung nicht konkret berechnet werden, sondern zunächst unberücksichtigt bleiben. In der Zusammenfassung wird auf sie pauschal eingegangen.
Die Kaderkosten belaufen sich wie folgt:
a. Saison 2012/13 (2. Liga): 28 Mio. EUR
Gehälter: 25 Mio. EUR
Abschreibungen: 3 Mio. EUR
b. Saison 2013/14 (2. Liga): 28 Mio. EUR
Gehälter : 24 Mio. EUR
Abschreibungen: 4 Mio. EUR
c. Saison 2014/15 (1. Liga): 41 Mio. EUR
Gehälter: 33 Mio. EUR
Abschreibungen: 9 Mio. EUR
d. Saison 2015/16 (1. Liga): 51 Mio. EUR
Gehälter: 41 Mio. EUR
Abschreibungen: 10 Mio. EUR
e. Saison 2016/17 (1. Liga): 62 Mio. EUR
Gehälter: 52 Mio. EUR
Abschreibungen: 10 Mio. EUR
f. Saison 2017/18 (1. Liga): 85 Mio. EUR
Gehälter: 65 Mio. EUR
Abschreibungen: 20 Mio. EUR
g. Saison 2018/19 (2. Liga): 66 Mio. EUR
Gehälter: 47 Mio. EUR
Abschreibungen: 19 Mio. EUR
h. Saison 2019/20 (1. Liga): 94,44 Mio. EUR
Gehälter: 70,13 Mio. EUR
Abschreibungen: 24,31 Mio. EUR
i. Saison 2020/21
Keine Angaben erhältlich
j. Bewertung
In den letzten Jahren beinhalteten die Personalkosten ca. 16 Mio. EUR für das Personal, das nicht den Spielbetrieb betrifft. Die Zahlen zeigen, dass sich die Kaderkosten im Laufe der Jahre (wie die Fernsehgelder) verdoppelt haben. Damit sind alle aus den erhöhten Fernsehgeldern resultierenden zusätzlichen Einnahmen zum großen Teil an die Profis und deren Berater weitergegeben worden.
Der Betrag der jährlichen Abschreibungen auf den Wert des Kaders (Buchwert), der sich vervielfacht hat, zeigt, dass der FC immer höhere Transferpreise gezahlt hat. Auch dies dürfte zum großen Teil auf die Marktentwicklungen zurückzuführen sein. Dennoch legen die Vervielfachung und die mutmaßlichen Salden der Transfererlöse (diese müssten noch genau ermittelt werden) den Schluss nahe, dass die Kader-Einkaufspolitik nicht sehr erfolgreich war. Das zeigt auch ein Vergleich mit den Kaderkosten von Clubs, die sportlich mit dem FC vergleichbar sind.
4.5. Jahresüberschuss
Maßgeblich für den wirtschaftlichen Erfolg ist der jährliche Jahresüberschuss bzw. in Verlustjahren der Jahresfehlbetrag, der sich in der G+V findet.
Wichtig ist, dass der in der Bilanz ausgewiesene Bilanzgewinn der Saldo aus Jahresergebnis (Überschuss oder Fehlbetrag) und Gewinn- und Verlustvorträgen ist. Dies darf nicht verwechselt werden.
Die Jahresüberschüsse sind:
a. Saison 2012/13 (2. Liga): 0,151 Mio. EUR
b. Saison 2013/14 (2. Liga): 0,5 Mio. EUR
c. Saison 2014/15 (1. Liga): 2,7 Mio. EUR
d. Saison 2015/16 (1. Liga): 6,4 Mio. EUR
e. Saison 2016/17 (1. Liga): 11 Mio. EUR
f. Saison 2017/18 (1. Liga): 17 Mio. EUR
g. Saison 2018/19 (2. Liga): 1,1 Mio. EUR
h. Saison 2019/20 (1. Liga). Minus 23,8 Mio. (ohne Corona 13,7 Mio.).
i. Saison 2021/22 (1. Liga): nicht bekannt (mutmaßlich minus 30 Mio. und mehr)
In der Saison 2019/2020 hat der FC wegen eines Umsatzrückganges infolge von Corona in Höhe von 13 Mio. EUR einen um 10 Mio. EUR höheren Verlust erwirtschaftet. Legt man diesen Maßstab zugrunde, dürfte der Umsatzrückgang um 50 Mio. EUR zu einem Verlust von 30 – 35 Mio. führen. Hinzu treten die angeblich auch ohne Corona nach der Planung anfallenden Verluste. Die Saison könnte daher mit einem Verlust von 30 – 40 Mio. EUR enden.
j. Bewertung
Damit beläuft sich die Summe der Jahresergebnisse ohne Corona auf 38,85 für die Jahre bis 2019. Davon sind die nicht Corona bedingten Verluste für 2020 (13,7) und 2021 (geschätzt 5 Mio., s.o.) abzuziehen. Der Gesamtsaldo beträgt also 20,15 Mio. EUR. Damit hätte der FC in 10 Jahren ein Gesamtergebnis von rund 20 Mio. erzielt.
Der Gesamtumsatz lag in dieser Zeit (unter Hinzurechnung der Corona-bedingten Rückgänge: 2020 13 Mio.; 2021 50 Mio.) bei rund 970 Mio. EUR. Der Gesamtbetrag der Überschüsse (ohne negative Corona-Effekte) von rund 20 Mio. EUR entspricht einer Rendite von 2 % und ist damit rein finanziell gesehen eher bescheiden, zumal er sehr sich inhaltlich weitgehend allein auf die glückliche und nur einmalige Euro-League Teilnahme sowie den Modeste Verkauf zurückführen lässt.
Berücksichtigt man die Corona-Effekte, dann reduziert sich der Gewinn in 2020 um weitere 10,1 Mio. EUR und in 2021 um nochmals weitere 30 – 40 Mio. EUR. Damit sind alle Jahresüberschüsse der insgesamt 10 Geschäftsjahre vernichtet. Das Eigenkapital ohne Genussrechte ist daher derzeit wohl deutlich negativ.
4.6. EBITDA
Der FC spricht gerne von seinem guten EBITDA und lenkt dadurch von seiner starken Verschuldung und dem mutmaßlich überteuerten Kader ab:
- Das EBITDA entspricht dem Geschäftsergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen.
- Da der FC sich stets und zunehmend über Kredite finanziert, machen Zinszahlungen einen erheblichen Anteil am Betriebsergebnis aus. Die Höhe ist in der G+V unter „Zinsen und ähnliche Aufwendungen abzulesen.
- Steuern sind angesichts der meist bescheidenen Ertragslage nicht entscheidend. Die Ausnahme bilden die beiden Geschäftsjahre, in denen der FC durch den Modeste-Verkauf und die Euro-League-Einnahmen hohe Gewinne erzielt hat.
- Umso bedeutsamer sind die jährlichen Abschreibungen auf die Anschaffungskosten der Spieler (vgl. Kaderkosten – Abschreibungen). Diese belaufen sich inzwischen auf einen 2 – stelligen Millionenbetrag p.a.
All dies führt dazu, dass die vom FC bemühten EBITDA Zahlen trotz ihrer formalen Richtigkeit einen (für den Nichtfachmann kaum erkennbaren) unzutreffenden Eindruck von der angeblichen Ertragskraft des FC vermitteln.
Teil 3 folgt morgen, Mittwoch, 16. Juni 2021.
Was bisher geschah

Episode 9: Die finanzielle Entwicklung des 1. FC Köln unter Alexander Wehrle
Eine Analyse, Teil 1

Episode 11: Die finanzielle Entwicklung des 1. FC Köln unter Alexander Wehrle – Teil 3
Eine Analyse, Teil 3